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Liebesgedichte

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält's nicht aus,
hält's nicht aus mehr bei mir.
Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

Christian Morgenstern, 1908



Gefühle blühen.
Es könnte Frühling werden
mitten im Winter.

Ernst Ferstl



Du musst nirgendwo hingehen.
Du bist, wo du sein sollst.
Du machst genau diesen Augenblick heilig,
in dem du dich selbst gibst.
Bringe dem Leben den Samen
deiner Geschichte dar,
schenke ihn mit Liebe,
und das Leben wird eine Antwort geben.
Das Leben wird deinen Samen nehmen
und ihn in das Herz der Welt legen.
Dies ist deine Gabe.
Dies ist alles, was du je geben kannst.
Langsam wird sich die Welt auf
einer neuen Achse der Liebe drehen.

Llewellyn Vaughan-Lee



Wie er wolle geküsset seyn

Nirgends hin / als auff den Mund /
da sinckts in dess Hertzens Grund.
Nicht zu frey / nicht zu gezwungen /
nicht mit gar zu fauler Zungen.

Nicht zu wenig / nicht zu viel!
Beydes wird sonst Kinder-spiel.
Nicht zu laut / und nicht zu leise /
Beyder Mass' ist rechte Weise.

Nicht zu nahe / nicht zu weit.
Diss macht Kummer / jenes Leid.
Nicht zu trucken / nicht zu feuchte /
wie Adonis Venus reichte.

Nicht zu harte / nicht zu weich.
Bald zugleich / bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam / nicht zu schnelle.
Nicht ohn Unterscheid der Stelle.

Halb gebissen / halb gehaucht.
Halb die Lippen eingetaucht.
Nicht ohn Unterscheid der Zeiten.
Mehr alleine denn bei Leuten.

Küsse nun ein Jedermann /
wie er weiss / will / soll und kan.
Ich nur und die Liebste wissen /
wie wir uns recht sollen küssen.

Paul Fleming (1609-1640)